Sonntag, 26. Dezember 2010

Das Deutsche


Nach 4 Monaten ist mir endlich aufgegangen, dass nicht nur die Hautfarbe ein Merkmal der Andersartigkeit ist. Nicht, dass man hier Fremdenfeindlich wäre; das Fremde ist als exotisches reizend und als Hindernis nervenaufreibend.

Germanstyle ist zu einem geflügelten Wort geworden. Wenn jemand auf einem Foto lächeln soll, heißt es «Now Germanstyle picture!!», da uns Weißen das Zähnefletschen auf Bildern gefällt. Wenn einmal mehr zu wenig Zeit zum Saribinden war, entschuldige ich mich mit einem rasch dahin gepfefferten «germanstyle sari!» und der Drang zum T-Shirt fällt auch in diese Kategorie. Mein armes Volk muss ertragen, dass es durch mich ein schlampiges Image bekommt [def. Von schlampig: unordentlich], denn sobald der Zopf nicht ordnungsgemäß gerade geflochten ist, mit einem 10 cm langen nicht geflochtenen, leicht gewellten untersten Haarteil, sobald der Dutt nicht geknotet, sondern mit Zopfgummis (der Plural ist mit Bedacht gewählt, einmal enttüddelte Theresa mich und fand zu ihrem Unverständnis 6) zusammen gewurstelt ist, schiebe ich es auf mein freizügiges Heimatland, in dem die Haare der Frau pupsegal sind und man versteht, dass die Haare der deutschen Frauen einfach schlampig sind (in jeder Bedeutung, die dem Leser einfällt – offene Haare sind Filmstars vorbehalten!)
Was mich anders macht, ist aber nicht nur das Äußere. Was mich deutsch macht ist der sich wiederholende Trott, trotz des guten Vorsatzes wieder Unmengen KitKat zu kaufen (die einzige Schokolade, die annähernd danach schmeckt), ist der Wunsch, viel Obst zu essen, zumal es hier ungewohnt köstlich ist. Der Unterschied von mir zu den Frauen, die mit mir die oft gefüllten Straßen Thanjavurs entlang laufen ist mein ungewöhnlich schneller Gang, vielleicht die Ignoranz, die Schönheit auf dem Weg von A nach B als weniger wichtig als A und B zu werten, vielleicht die sprichwörtliche Pünktlichkeit der Deutschen ,[bei mir eher der deutschen Bahn!]; es ist die Aufgeklärtheit, die den jungen Frauen auf der Straße fehlt, die mich zum Marsmensch macht; dieses Unwissen, das die Männer zum Pfeifen und unerhörten Ansprechen, Anmachen und dem diesen Aktionen folgendem Gekicher bringt. Deutsch macht mich die Erwartung, dass sich das von allein legt, sobald alle Jungen auf den Straßen bemerkt habe, dass ich wieder und wieder die selbe Person bin, die wieder und wieder die ignorierende Maske aufsetzt.
Außerdem vergesse ich regelmäßig, auf der linken Straßenseite zu gehen und bringe meinen Müll selber weg. Ich wünsche mir den Kaffee ohne Milch und Zucker und vergesse in meiner Wunschvorstellung daran, dass man ihn auch nicht nur mit Nescafepulver zubereiten kann.

Anpassung ist eine Gradwanderung. Die Jeans raubt nur Platz im Gepäck und wurde noch nie getragen. Seit dem ersten Tag auf südindischem Boden kleide ich mich selbst in Chudidas [deutsche Schreibweise], Saris und Nightys. Aber der Versuch, das eigene und das Fremde, das zum neuen Eigenen geworden ist, zu kombinieren, stößt auf das Unverständnis meiner Omas. Chudida okay, Chudidahose und tailliertes T-Shirt unmöglich, Chudidaoberteil und Leggins Blasphemie. Dosai und Nutella zum Frühstück sieht in ihren Augen nach Dosai und brauner Pampe aus. Buri und Marmelade ein weiterer Beweis meines süßen Zahns der mir auch noch Diabetes einhandeln wird. Wie jedem anderen in meinem Heim. Anpassung heißt aber, dass die Form die man selber hat, der Schablone der Umgebung angepasst wird. Anpassung heißt nicht, dass man sich verleugnet. Anpassung heißt nicht Kopie des Fremden. Anpassung ist Adaption. Und so tue ich alle die Dinge, die ein Kopfschütteln und einen Seufzer nach sich ziehen, ein Resignieren, dass ich doch nicht «India», mein neuer Spitzname, bin.

Genauso wie ich verstehen muss, dass ihre Kultur das Kopfschütteln und Seufzen verlangt, müssen sie verstehen, dass ihre Kultur bei mir Kopfschütteln und Seufzen zur Folge haben kann. Folglich ist meine Sprache manchmal voller Rosen und Watte und den wiederholten Erläuterungen zu meinem Deutschland und manchmal deutsch-direkt.

Zu tun, was von einem erwartet wird, ist leben der indischen Kultur, ist deutsche Selbstaufgabe.

Zu entscheiden, wann was angebracht ist, ist Anpassung.

Samstag, 4. Dezember 2010

Das Essen

Manchmal kann ich das Essen nicht erwarten und manchmal habe ich dann doch keinen Hunger, wenn ich es sehe. Für die richtige Schreibweise kann ich nicht garantierten. Es folgt eine Liste indisch alltäglicher Köstlichkeiten.
* Idly (am Morgen und am Abend): den halben Tag gemahlener Reis mit ebenfalls den halben  Tag gemahlenen kleinen kleinen Bohnen, die keine Sojabohnen sind, aber so aussehen. Mit wenig oder zu viel Salz. Über einem Wasserbad gegarte Bällchen.

* Dosai (am Morgen und am Abend): Teig s.o. nur gebraten wie einen Pfannkuchen. Hat irgendwie mehr Geschmack. 60% seltener als Idly. In meinem zu Hause jedenfalls.

* Idiappam (am Morgen und am Abend): Teig - keine Ahnung, irgendwas aus Reismehl. Schneeweise Nudeln, die wie Idly mit Wasserdampf gegart werden. Mit Zucker und frischen Kokusnussraspeln zu genießen.  40% seltener als Idly.

* Appam (am Morgen und am Abend): Köstlichkeit, die mit Kokusnussmilch und Zucker verspeist wird. Aus dem Idiappamteig, der mit einem Hügel in der Mitte gebraten wird. Leider 90% seltener als Idly.

* Chapatti (eigentlich eher am Abend): von manchen verpönt, von mir geliebter Pfannkuchen ähnlicher Fladen, der vielleicht aus anderem Mehl gemacht wird und bei uns viel zu dick gebraten wird. Allerdings macht meine «Mammi» Ragama die besten Chapatti der Welt (da bin ich mir sicher). Es schmeckt mehr nach Brot als alles andere in Süd Indien (Pondycherry ist eine Ausnahme, die Bäckereien dort kopieren europäisches Brot mit mittlerem Erfolg – sie sollten sich auf Croissants beschränken). Zu Chapatti isst man oft Samba, eine leicht flüssige Gemüsesauce mit großen, weich gekochten Gemüsestücken. Manchmal und weil wir es so lieben halb so häufig wie Idly.

* Buri (eigentlich eher am Morgen): Teig s.o. nur frittiert. Zu Buri isst man eine Kartoffelsauce (Potatosamba), ich bevorzuge Marmelade. Das ist mein Statement! Buri ist 60 Mal seltener als Idly.

Jetzt bin ich verwirrt und kann mit Stochastik nichts mehr anfangen. Ist es jetzt Prozent oder Häufig oder alles ein Anteil der Gesamtmenge?
Meinem geistigen Verfall könnte entgegen wirken, dass ich mich täglich zwischen drei oder mehr Sprachen bewege und versuch, die eine zu lernen. Der Konjunktiv ist Absicht. Die Welt verblödet unaufhaltsam, das ist mein Statement.