Sonntag, 26. Dezember 2010

Das Deutsche


Nach 4 Monaten ist mir endlich aufgegangen, dass nicht nur die Hautfarbe ein Merkmal der Andersartigkeit ist. Nicht, dass man hier Fremdenfeindlich wäre; das Fremde ist als exotisches reizend und als Hindernis nervenaufreibend.

Germanstyle ist zu einem geflügelten Wort geworden. Wenn jemand auf einem Foto lächeln soll, heißt es «Now Germanstyle picture!!», da uns Weißen das Zähnefletschen auf Bildern gefällt. Wenn einmal mehr zu wenig Zeit zum Saribinden war, entschuldige ich mich mit einem rasch dahin gepfefferten «germanstyle sari!» und der Drang zum T-Shirt fällt auch in diese Kategorie. Mein armes Volk muss ertragen, dass es durch mich ein schlampiges Image bekommt [def. Von schlampig: unordentlich], denn sobald der Zopf nicht ordnungsgemäß gerade geflochten ist, mit einem 10 cm langen nicht geflochtenen, leicht gewellten untersten Haarteil, sobald der Dutt nicht geknotet, sondern mit Zopfgummis (der Plural ist mit Bedacht gewählt, einmal enttüddelte Theresa mich und fand zu ihrem Unverständnis 6) zusammen gewurstelt ist, schiebe ich es auf mein freizügiges Heimatland, in dem die Haare der Frau pupsegal sind und man versteht, dass die Haare der deutschen Frauen einfach schlampig sind (in jeder Bedeutung, die dem Leser einfällt – offene Haare sind Filmstars vorbehalten!)
Was mich anders macht, ist aber nicht nur das Äußere. Was mich deutsch macht ist der sich wiederholende Trott, trotz des guten Vorsatzes wieder Unmengen KitKat zu kaufen (die einzige Schokolade, die annähernd danach schmeckt), ist der Wunsch, viel Obst zu essen, zumal es hier ungewohnt köstlich ist. Der Unterschied von mir zu den Frauen, die mit mir die oft gefüllten Straßen Thanjavurs entlang laufen ist mein ungewöhnlich schneller Gang, vielleicht die Ignoranz, die Schönheit auf dem Weg von A nach B als weniger wichtig als A und B zu werten, vielleicht die sprichwörtliche Pünktlichkeit der Deutschen ,[bei mir eher der deutschen Bahn!]; es ist die Aufgeklärtheit, die den jungen Frauen auf der Straße fehlt, die mich zum Marsmensch macht; dieses Unwissen, das die Männer zum Pfeifen und unerhörten Ansprechen, Anmachen und dem diesen Aktionen folgendem Gekicher bringt. Deutsch macht mich die Erwartung, dass sich das von allein legt, sobald alle Jungen auf den Straßen bemerkt habe, dass ich wieder und wieder die selbe Person bin, die wieder und wieder die ignorierende Maske aufsetzt.
Außerdem vergesse ich regelmäßig, auf der linken Straßenseite zu gehen und bringe meinen Müll selber weg. Ich wünsche mir den Kaffee ohne Milch und Zucker und vergesse in meiner Wunschvorstellung daran, dass man ihn auch nicht nur mit Nescafepulver zubereiten kann.

Anpassung ist eine Gradwanderung. Die Jeans raubt nur Platz im Gepäck und wurde noch nie getragen. Seit dem ersten Tag auf südindischem Boden kleide ich mich selbst in Chudidas [deutsche Schreibweise], Saris und Nightys. Aber der Versuch, das eigene und das Fremde, das zum neuen Eigenen geworden ist, zu kombinieren, stößt auf das Unverständnis meiner Omas. Chudida okay, Chudidahose und tailliertes T-Shirt unmöglich, Chudidaoberteil und Leggins Blasphemie. Dosai und Nutella zum Frühstück sieht in ihren Augen nach Dosai und brauner Pampe aus. Buri und Marmelade ein weiterer Beweis meines süßen Zahns der mir auch noch Diabetes einhandeln wird. Wie jedem anderen in meinem Heim. Anpassung heißt aber, dass die Form die man selber hat, der Schablone der Umgebung angepasst wird. Anpassung heißt nicht, dass man sich verleugnet. Anpassung heißt nicht Kopie des Fremden. Anpassung ist Adaption. Und so tue ich alle die Dinge, die ein Kopfschütteln und einen Seufzer nach sich ziehen, ein Resignieren, dass ich doch nicht «India», mein neuer Spitzname, bin.

Genauso wie ich verstehen muss, dass ihre Kultur das Kopfschütteln und Seufzen verlangt, müssen sie verstehen, dass ihre Kultur bei mir Kopfschütteln und Seufzen zur Folge haben kann. Folglich ist meine Sprache manchmal voller Rosen und Watte und den wiederholten Erläuterungen zu meinem Deutschland und manchmal deutsch-direkt.

Zu tun, was von einem erwartet wird, ist leben der indischen Kultur, ist deutsche Selbstaufgabe.

Zu entscheiden, wann was angebracht ist, ist Anpassung.

Samstag, 4. Dezember 2010

Das Essen

Manchmal kann ich das Essen nicht erwarten und manchmal habe ich dann doch keinen Hunger, wenn ich es sehe. Für die richtige Schreibweise kann ich nicht garantierten. Es folgt eine Liste indisch alltäglicher Köstlichkeiten.
* Idly (am Morgen und am Abend): den halben Tag gemahlener Reis mit ebenfalls den halben  Tag gemahlenen kleinen kleinen Bohnen, die keine Sojabohnen sind, aber so aussehen. Mit wenig oder zu viel Salz. Über einem Wasserbad gegarte Bällchen.

* Dosai (am Morgen und am Abend): Teig s.o. nur gebraten wie einen Pfannkuchen. Hat irgendwie mehr Geschmack. 60% seltener als Idly. In meinem zu Hause jedenfalls.

* Idiappam (am Morgen und am Abend): Teig - keine Ahnung, irgendwas aus Reismehl. Schneeweise Nudeln, die wie Idly mit Wasserdampf gegart werden. Mit Zucker und frischen Kokusnussraspeln zu genießen.  40% seltener als Idly.

* Appam (am Morgen und am Abend): Köstlichkeit, die mit Kokusnussmilch und Zucker verspeist wird. Aus dem Idiappamteig, der mit einem Hügel in der Mitte gebraten wird. Leider 90% seltener als Idly.

* Chapatti (eigentlich eher am Abend): von manchen verpönt, von mir geliebter Pfannkuchen ähnlicher Fladen, der vielleicht aus anderem Mehl gemacht wird und bei uns viel zu dick gebraten wird. Allerdings macht meine «Mammi» Ragama die besten Chapatti der Welt (da bin ich mir sicher). Es schmeckt mehr nach Brot als alles andere in Süd Indien (Pondycherry ist eine Ausnahme, die Bäckereien dort kopieren europäisches Brot mit mittlerem Erfolg – sie sollten sich auf Croissants beschränken). Zu Chapatti isst man oft Samba, eine leicht flüssige Gemüsesauce mit großen, weich gekochten Gemüsestücken. Manchmal und weil wir es so lieben halb so häufig wie Idly.

* Buri (eigentlich eher am Morgen): Teig s.o. nur frittiert. Zu Buri isst man eine Kartoffelsauce (Potatosamba), ich bevorzuge Marmelade. Das ist mein Statement! Buri ist 60 Mal seltener als Idly.

Jetzt bin ich verwirrt und kann mit Stochastik nichts mehr anfangen. Ist es jetzt Prozent oder Häufig oder alles ein Anteil der Gesamtmenge?
Meinem geistigen Verfall könnte entgegen wirken, dass ich mich täglich zwischen drei oder mehr Sprachen bewege und versuch, die eine zu lernen. Der Konjunktiv ist Absicht. Die Welt verblödet unaufhaltsam, das ist mein Statement.

Samstag, 30. Oktober 2010

Das Wunderland


Vor vielen Monaten habe ich in den Spiegel geschaut und mich gefragt, was ich eigentlich sehe. Und dann wollte ich hinter den Spiegel in das Land, das ganz anders ist, in dem ich die Schrift nicht lesen kann. Aber ich schlief nicht nur ein, ich bestieg ein Flugzeug und verließ es auf dem Weg ins Reich der roten Königin.

Das Wunderland belacht mich morgens, wenn ich zwischen all den spielenden Schulkindern in der hellgrünen Uniform den Sportplatz überquere, um zur Arbeit zu gehen. Das Wunderland lacht, weil ich mich fehl am Platz fühle in meiner rot-blauen Chudida. Aber die Kinder sehen mich nicht in der fremden Kleidung, sondern mit den fremden Gesicht und der hellen Haut, unterbrechen ihr Spiel und kommen angerannt. Warum sie die weißen Rosen rot anmalen, will ich fragen, kann aber die Sprache nicht. Zeit für eine Diskussion habe ich so wie so nicht. Ich will kein Besucher im Wunderland sein und gerade das macht mich zu einem.
Dann komme ich in den Garten mit den großen, sprechenden Blumen und sie geben sich Mühe, meine Sprache zu sprechen, fragen mich, wie ich geschlafen hätte und was ich zum Frühstück hatte. Wunderliche Blumen, die in dem Garten leben, weil sie im Wunderland sonst keinen Platz haben. Deswegen ist ihr Garten ein Refugium. Ein Refugium für sprechende Blumen und für Schweigende, für singende und für tanzende und für solche, die noch nie tanzen konnten.

Gegen 11 Uhr habe ich Tee mit der Hutmacherin in einer schönen Ecke des Gartens, in der Rose und Jasmin blühen. Die Hutmacherin schick die Maus, wenn sie mich suchen und rufen lässt, weil ich die Zeit vergesse und der «Kaffee» kalt wird. «Kaffee» ist das, was die Wunderlandbewohner ihr Gebräu aus Milch, Zucker und Kaffeeinstandpulver nennen. Zu Beginn war ich traurig, dass das, wofür ich mit Liebe einen Namen habe, mein am liebsten toter, schwarzer, starker Kaffee, mein Schwarzes Gold im Wunderland unbekannt zu sein scheint, aber deswegen bin ich ja im Wunderland, damit ich zu Hause erzählen kann, dass es einen Ort gibt, an dem nicht alles nur so richtig ist wie wir es für richtig halten, eine Wunderland, das unser Land auch zum Wunderland macht!
Wenn ich dann den Blumen erzähle, dass es da, wo ich her komme, keine Sitapalambäume gibt – in keinem einzigen Garten -, dann überlegen sie und wundern sich über die Welt, in der alle behaupten, Christ zu sein und kaum einer in die Kirche geht. Dann staunen sie, dass es ein Leben gibt, dass nicht durch den Regen bestimmt wird, ein Land, in dem man Milch, Mehl und Jogurt im Supermarkt einkauft, in dem man keine einzige Kuh auf den Straßen sieht und die Familien ohne Ziegen auskommen. Dann ekeln sie sich vor dem Wunderland mit boyfriends und Küssen im Fernsehen.

Und einmal bin ich dem weißen Kaninchen gefolgt. Er kam und verkündete, Geburtstag und 25. Hochzeitstag der roten Königin würden auf einen Tag fallen und wir sein Ehrengäste. Wann wir erscheinen sollten, baten wir die rote Königin zu wissen. Zum Mittag. Gegen 10! Um 10 könnten wir noch nicht zu Mittag essen – nicht einmal im Wunderland! Dann eben um 11, der Pastor käme schließlich und man wolle noch beten!
Also gingen wir mit dem white rabbit mit. Das Loch unterm Baum war eine Straße weiter. Aber die rote Königin war noch im Nighty, putze noch und schien verwirrt, uns zu sehen. Sie hatte bereits weiße Blumen im Haar und ich fragte mich, ob sie wirklich die rote Königin sei. Ihre Hände were not of the same colour as mine but she wasn't ashamed to wear a heart so red [Mac Beth Anspielung, es ist schließlich das Wunderland, das ich beschreibe].
Man brachte und Fotoalben und das weiße Kaninchen verschwand. Der sympathische, alte König kam und unterhielt sich mit uns. Er arbeite in Chennai,  komme nur selten nach Hause, ebenso seine beiden ältesten Söhne. Die rot-weiße Königin tat mir leid. Dann war alles geschmückt, die Süßigkeiten die man für unsere Wartezeit gekauft hatte, aufgegessen, die Fotoalben drei Mal gesehen und der Kuchen aus Glasur platziert. Dann kam der Pastor. Es wurde gebetet und gesegnet und photographiert. Es wurde gesungen und der Kuchen wurde angeschnitten und der Fotograf hielt einen weiteren Teil eines weiteren Lebens eines weiteren Wunderlandbewohners fest. So fest, als wolle man sich selbst seine Zufriedenheit mit dem Fotoalbum beweisen. Wunderland.
Die Königin nahm uns gefangen, setzte uns und Zwang Unmengen an Essen in uns und gerade als wir dachten, wir würden platzen, stopfte sie eine Banane hinterher. Das machen Gastgeber so.

Abends verzichte ich mit einer Notlüge auf das Abendessen und fand im Nachthimmel einmal mehr zig Fledermäuse. Ich zitiere das Wunderland hinter dem Spiegel:
«Twinkle, twinkle little bat,
how I wonder what you're at.
Fly above the world so high
like a diamond in the sky.»

Dienstag, 12. Oktober 2010

Die Beerdigung


"The preacher has come!" erreichte mich rechtzeitig, wissend, dass bei einr Beerdigung keine besonderen Klamotten getragen werden, sndern die, die eben am Leib sind. Mit dem Pastor kamen auch weitere Männer, die ich noch nie zuvor gesehen hatte und der Gärtner. Sie standen auf dem Weg vor dem Haus und ich bei den Schwestern zu Füßen Lackeschmis. Einer der Männer brachte eine weitere pinke Blumengirlande und plazierte sie behutsam auf dem schon vorhandenen Berg Blumen, der ihr wohl das erste Mal seit langem einen dicken Bauch bescherrte. Die Räucherstäbchen hatte man immer wieder erneuert und einen Blumenstrauß auf die Girlanden gelegt. Der Sag lag seit den Morgenstunden neben ihr, genauso aufgebarrt. Der Gottesdienst fand vor dem Haus statt.

Das erste Lied suchte der schnäuzbärtige Pastor aus und ich verstand nichts. Die Bibel hatte ich zum Glück schnell gechnappt und verstand wenigstens, warum Psalm 90 gelesen wurde. Dann folgte ein aus einem blauen, kleinen Buch abgelesenes Gebet, das sie umstehenden zu berühren schien. Anschließend kam der Gärtner und ein weitere Mann heran und hoben mit Annakkas Hilfe die Reste Lackeschmis in die mit weißem Papier umschlugene Holzbox. Dieser folgend sah ich zu, wie sie mit viel Mühe auf eine Wagen gehieft wurde, der mit weiteren Blumengirlanden geschmückt war. Pink, gelb und grün um den Holzaufsatz mit den riesigen Rädern, die denen einer Kutsche glichen. Ich konnte mich dem Gedanken nicht erwähren, als all die Menschen und Moppeds und Rickschas vorbeifuhren, dass der Hinduglaube sich wehrte, christlich zu Grabe getragen zu werden. Nachdem einer unter den Wegen gekrochen war, um den Holzsarg in das Gefähr zu befördern und es gelang, zog und schoben die Männer los. Wir Frauen gingen zu erst hinterher und sangen Klagelieder, die ich mitsummte und überholten irgendwann. Der vorn ziehende Mann erinnerte mich unweigerlich an einen alten Rickscharfahrer...
Hinten zerplückte der Gärtner eine Girlande nach der anderen, sodass die dem Sargwagen Folgenden auf Blumen gingen.

Als der Friedhof erreicht war, erkannte ich, dass die Schwestern mit der Rickschar gefahren waren, während wir und die Bediensteten gegangen waren. Aber man hatte Simone einen Regenschirm gegen die Sonne gegeben und verlangte, wir sollen auf der Rückfahrt ebenfalls das Auto nehmen. Von nun an wurde der Sarg wieder getragen und auf den ersten Blick erinnerten mich die weiß aufragenden Steine an einen jüdischen Friedhof. Alte Tote inmitten lebendigen Grüns, das wächst, wo es will.

Nach einigen Metern weißer Kreuze über aufwändigen Steinplattenhügeln folgten aufwändigere, buntere Gräber und mein ertser Eindruck war wiederlegt. Auch an diesen gingen wir vorbei und ich verstand nun, warum eine unsere Küchenfrauen hinter dem Sarg ein Holzkreuz trug. Lakschemis Loch war schön und sauber ausgehoben, ein Stück weit ab von den anderen neben zwei weiteren Holzkreuzen ohne Namen. Einige Girlanden und das Blumenwunderwerk wurden herausgenommen, damit der Deckel passte und einer unserer Begleiter holte eine Plastiktüte aus seiner Hosentasche, die er ohne Inhalt nach indischer Manier hinter sich warf, wo ich eine andere Tüte und das entwurzelte Grün entdeckte, das vorher über dem Loch gelebt hatte.
Er hämmerte den Sarg zu und der Gärtner sprang beherzt in das Loch, um die weiße Kiste, denn viel mehr schien es jetzt nicht mehr zu sein, herunter zu lassen. Er und sein Helfer kletterten heraus und wir sangen noch ein letzes Mal für sie.
Wieder las der Pastor. Machte mit hellem Sand, der vor dem Loch auf einer Schaufel stand und sich extrem von der in umbegenden roten Erde abhob, die Erde zu Erde, Asche zu Asche Geste. Dann reichte er den Text, den er las, an die Schwestern weiter, die eine Brille dabei hatten und so hörte Lackeschmi vertraute Stimmen zum Abschied, der in einem für Inder extrem kruzen Gebet endete, nachdem alle einen Haufen Erde auf ihre Ruhestätte warfen. Sister Padma erklährte uns schnell, dass es bedeutet, sie hätte nicht allein gelebt und es sein Menschen da, die sie betrauerten. Und unsere Gesten waren echt.

Ich sah noch das Grab der Diakonissinenheimgründerin Lydia V... und hörte ich Sister Padmas bereitwillige Erklährung, die sie immer auf Englisch gibt. Dem Pastor sagte sie, wir seinen hier "to serve and to learn". Diese Aussage ist wohl selten so wahr wie heute.

Simone und Sister Salome alberten gerade herum, dass Simone den Schirm für sich behalten solle, was sie wehement ablehnte. Sister Salome ist zwei Köpfe kleiner als sie und es gibt kaum etwas einfacheres als Schatten zu teilen, als ich zum "Auto" ging.

Dann saß ich im "Auto" mit vier anderen Schwestern und was sie in den Händen hielten, verdeutlichte mir noch einmal ihren Charakter. Mother Schanta hatte ihr Handy, Sister Sucilia hatte ihre Hand auf meiner, als Geste, dass ich nicht rausfallen solle, Sister Paciem hatte ihren Sonnenschirm auf dem Schoß und Sister Jesylee hielt behutsam ein grünes Gewächs, dass sie am Friedhof aus dem Boden gerissen hatte. Ihrer Beschreibung nach eine wunderschöne Blume, die sie in unseren Garten pflanzen würde.

Nach Beerdigung soll man die Kleider, die man trug, waschen und sich abschrubben, sogar ein "hairwasch" machen, aber die meisten haben bei uns keine Zeit dafür.

Lackeschmi ist nur ein Beweis dafür, das diese straken Frauen es sind, die jeden Tag leben, um "to serve and learn".

Ich kann mich nicht an die Melodie erinnern, aber da ich den Text noch immer auswenig kann, empfehle ich "The Need" von Benjamin's Gate.

Die Lebende

Vor ein oder zwei Wochen kam eine Frau zu uns, die begeistert als unser Neuzugang vorgestellt wurde. Ich hörte zu erst, Annakka würde sich um ihre Haar kümmern und sah dann die kahlköpfige, hochgewachsene, dünne Lakeschmi, die mir mit einem ebeso ehrlichen wir breiten Lächeln auf meine Begrüßung antworte, als ich auf dem Weg zur Abreit an ihr vorbeilief. Von da an besuchte sie morgens die Andacht häufiger als ich und grüßte mit dem christlichen "Stottiram", Preise den Heern. Sie tauchte eines Morgens bei den Kindern auf, die gerade draußen spielten und liebte sie mit einer Natürlichkeit, die das Strahlen auf ihrem Gesicht erklährte und auch das auf meinem, denn so konnte ich das Karusell und sie die Schaukel bespaßen und aufpassen, das keines unserer Kleinen gen Boden segelte. Oder ich konnte mich um die Babys kümmern, die sich mit Sand besudelte, während sie auf die größeren aufpasste.
Ich habe nie erlebt, dass sie die Knirpse schlägt, aber andere haben es gesehen. Es wäre zu einem Problem geworden.

 Zu Beginn habe sie in der Küche gearbeitet, sagte man mir, aber da sie so krank wäre, wurde sie in das gegenüberliegende Bethania Haus zum Erholen geschickt. Sie käme von der Straße. Man wisse nicht viel, nur, dass sie seit längerem unsere Missionchurch Road langwandere und kleine Arbeiten gegen Geld oder Essen anbiete. Sie sei nur ganz wenig geistig beschränkt und man könne sich mit ihr unterhalten. Sie war und blieb unser Neuzugang, über den ich mich wie alle anderen freute.
Montagmorgen erzählte sie dann allen glücklich, sie würde nun mit Sister Paciem, der ehemaligen Krankenschwester, die immer noch die Medizinischeaufpasserseele unseres Hauses ist, zum Krankenhaus gehen. Dort teste man sie auf alles mögliche und erfuhr schnell, dass wie bei vielen mentally retarded persons ein Blutmangel vorherrschte, der andere Probleme mit sich bringt. Man gab ihr eine Blutinfusion und ihr geschwächtes Herz hatte Probleme damit. Unser Gärtner besuchte gerade an diesem Abend einen anderen Patienen und sie erkannte ihn. Das Telefon in unserem Haus klingelte spät abends und ich bekam, von all dem nichts ahnend, die Aufgabe, Siser Jesylee und Annakka auf ein Klopen an meinem Fenster hin  die große Gittertür aufzuschließen und sie wieder herein zu lassen. In Erwartung eines Klopfens lag ich lesend auf meinem Bett, als die Telefone und Handys in den Zimmern neben mir zu rufen begannen. Kurz darauf stürmte Simo in mein Zimmer. Eine SMS von Annakka hatte ihr gerade den Herzinfakt Lakeschmis beschrieben. Sister Jesylee und Annakka würden die Leiche zum Heim zurück bringen.

Ich suchte Trost für Simo und rief die Freude vor unsere Augen, die Lakeschmi in den letzten Tagen gefühlt haben musste. Der Grund für ihre offene Fröhlichkeit und das breite Lächeln.
Die Psalme, die ich für Sister Jesylee und mein Abendgebet herausgesucht hatte, las ich nun zwei Schwestern und Simo auf dem Flur vor, in der Hoffnung, die Hoffnung würde alle etwas comfort geben. Uns wurde befohlen, schlafen zu gehen, man würde alles selber erledigen.
Heute morgen erfuhren wir dann die Einzelheiten und dass Sister Padma mit anderen die Nacht über Totenwache gehalten hatten. Anstatt der Morgenandacht sangen alle schon seit Stunden und wohl noch für Stunden Lieder neben der Aufgebarrten. Wir erfuhren auch von Sister Padma, dass Sister Jesylee ihr noch gerade the last benediction gegeben hätte, was ja jeder durfte, aber dass es kurz nach Mitternacht sein musste, da um Mitternacht selbst nichts getan würde. Ich bekam ein Bild von der Angst, die diese Worte begleiteten. Lakeschmi war eine Hindufrau. Obwohl sie in einer christlichen Gemeinschaft glebt hatte, in diesen letzten zwei Wochen, war sie vielleicht nie dazu gekommen, Jesus in einem Gebet "ja" zu sagen. Die Vorstellung, sie sei nun bei Gott war für die meisten gar nicht so sicher und mehr ein Wunsch.

Ich begab mich zu den Singenden, nachdem Sister Padma mich fragte: "You want see?" Ich wollte nicht erklähren, dass es mir nicht um das Sehen der Toten ging, sondern darum, zu bekunden, dass Menschen nach ihrem Tod um sie trauerten. Zuerst schockten mich die Füße, die unter dem pinken, goldgeränderten Tuch hervorlugten, mit dem sie bedeckt war. Die ganze Zeit hatte ich Distanz und nun doch Füße einer Frau, die wohl ihr Leben von Tag zu Tag gelebt hatte, ohne den Gott, den wir so lieben, der eine endlose Kraft bedeutet. Zu ihrem Kopf stand ein kleine Holzkreuz und eine Kerze und etliche Räucherstäbchen brannten daneben. Ihr Gesicht war teilweise von einem weißen Tuch bedeckt, sie hatte Watte in Nase und Ohren, aber das sah ich erst, als ich an ihr vorbei ging, meine Bibel zu holen. Ich wollte gerne Worte des Trosts finden und fand im Johannesevangelium das Versprechen, das ich der gehetzt aussehenden Mutter Schanta Emily berichtete. "He that heareth my word, and believeth on him that sent me, hath everlasting life, and shall not come into condemnation; but is passed from death unto life" [ St. John 6,24; King James]
I
ch las eine Epistel aus dem Röme, die mir aus dem Religionsunterricht bekannt ist, auf englisch stockend laut vor. Luther bezieht sich in siener Doppelthese darauf. Jedenfalls ist das Fleisch schlimm und tot aber die Seele findet Leben im Glauben an Jesus. Ich sang das Lied, das meine Oma mir als Reisesegen mitgegeben hatte, sicher, dass soweiso niemand Deutsch verstand und mit der Ahnung, dass Lackeschimi eine Reise zu Gott vor sich hat, die volkommen anders ist als die letzten 20 oder 30 Jahre ihres Lebens. Und schließlich bat ich um Amazin Grace, mein Steckenpferd, das zwar irgendwie bekannt war, das ich aber doch allein sang. Plötzlich war ich mir bewusst, dass die Worte "Amazing grace how sweet the sound that saved a wretch like me" noch nie so gepasst haben wie in diesem Moment.

Keep up with life, It's more than you can wish for!

Das Auto

Rickschas kennt man als typische indisches Gefährt oder als Samstagmorgencomedyopfer seit Patewkas "Wolle Rose Kaufe?". Heutzutage sind die meisten jedoch motorisiert und erinnern mich an eine Simson, der ein halber Trabbi aufgesetzt wurde. Die drei Gänge werden von den Rickscharas perfekt beherrst und sie wenden auch im zweiten Gang auf einer vier Spurigen Straße ohne bedenken. Allgemein gilt das Motto: "Wer zu erst da war, war zu erst da, es sei denn ein größeres Gefährt kommt, oder ein Mopped passt noch durch". Dank einer äußerst akkurat agierenden Spendenorganisation aus Deutschland besitzt das Lydia Bethania Home eine eigene, blaue Rickschah und einen Fahrer auf Abruf. Die Autos, wie Rickschas hier genannt werden, werden von mutigen, meist runden Männern gefahren, die zwar nicht so gesprächich wie deutsche Taxifahrer sind, jedoch ohne bedenken mit Kundschaft anhalten, um die Weiße, die gerade die Straße herunter läuft zu fragen, woher sie denn sei.
 In den normalen Straßenverkehr sind sie den Zweiradfahern unterlegen, weil sie nicht so schmal sind und nicht zwischen zwei in entgegengesetzte Richtungen fahrenden Bussen hindurch passen. Außerdem sind sie den Vierradfahrern untergeordnet, weil diese Genug Respektwegengröße einflößen, um an einem auf der Straße parkenden (!) Buss auf der entgegen kommenden Fahrspur vorbei zu crusen, das pummelige gelbe Gefährt jedoch auf das Ende der Kaffepause warten muss, oder, was kaum einem mutigen Rickschara etwas ausmacht, das lautstark beschwerende Hupen des Gegenverkehrs ertragen. Im Zweifelsfall hupt er selber die Fußgänger und den Bortstein aus dem Weg.

Hupen ist eine große Leidenschaft der Inder! Ein kurzes Hupen bedeutet so viel wie "Achtung, ich komme!", was man den Fußgängern zuruft, oder vor Kreuzungen oder Straßeneinmündungen oder vor dem eigegen Abbigen oder für den Gegenverkehr gern klarstellt. Hingegen ist das weniger häufige aber nicht minder nervige längere Tröten das bei uns übliche "Du Trottel, was machst du da, moschum!"
Da Abbigen durch Hupen angezeigt wird, ist Blinken eigentlich überflüssig. Kaum eines Faheres Hand hat bereits den Blinker gefunden. Man behilft sich simplen Handraushaltens oder verzichtet minimalistisch auf alles.
Seine Hand liebt allerdings die Hupvorrichtung. Das Hupen ist so individuell wie jedes Fahrzeug und auch den seltenen Fahrräder ist eine lumpige klingel zu stumpf. Als Faustregel gilt je größer das Vortbewegungsmittel, desto tiefer der gegenwartsbekundende Ruf. Und so ist mein allwöchentlicher Weg zum Oriental, dem Geschäft für alles [von Kitschfiguren-ich fand leider noch kein Einhorn :(- bis zu Kornflakes], ein Konzert.

Wenn ich das Haus verlasse, tönen mir die ersten Rickschas entgegen. Das übliche Getute. Dann biege ich am kleinen Tempel rechts ab und ein großes weißes Auto, das bestimmt jeden Tag gewaschen werden muss – aber genau dass er das tue, will der Besitzer sagen - saust auf nichts und auch auf keine weiße Fußgängerin achend, um die Ecke. Vom Bahnhof kommend klingelt der kleine geröstete Erdnuss-und-Mais-Laden, der vor das  Fahrrad gespannt ist, an mir vorbei. Die zweispurige Straße wird aus einer Overtüre aus pikolo Rikschas, die sich ihrer Verstimmtheit nicht schämen, und einem Chor aus Motorrädern, die nicht wissen, ob sie Bass oder Tenor singen sollen, mindestens vierspurig genutzt. Es sei natürlich augenommen, ein Lastkraftauto saust in einem ohrenbetäubenden Alt vorbei. Dann eben nur zweispurig.
Sobald ich die Brücke erreiche, an der eine Querstraße einmüdet, wird es lauter und stinkender. Von rechts tönt gerade wieder eine Jungorchesta an Rickschas und Moppeds heran und ich öffne meinen Mund aus Angst vor dem stinkenden Dampf des Flusses und der Libellenschwärme nicht, um ihnen zu sagen, dass nicht alle Trompeten alle Töne gleichzeitig spilen müssen. Und schon rauscht der erste Bus an, der damit angibt, dass er so groß ist und seinen bauchigen Bas lange und stolz erklingen lässt, ohne damit jemanden bestimmten beleidigen zu wollen.
Schließlich biege ich rechts in die zweite Querstraße und mir folgen zwei oder drei kleine Rickschas, die geschickt dem nächsten Angeberbus ausweichen, der zu einem schlecht eingeübten Solo anstimmt und es mit sich trägt, als er weiterfährt. Eine der mich begleitenden Gefährte trägt einen besonders gewitzten Besitze, der, weil die olle Hupe schon kaputtgespielt wurde, eine kreative Tröte anbauenlassen hat und den Entgegenkommenden ein fröhliges, handgedrücktes "Töddellö" zuruft.
Letzendlich wir es still in der Seitenstraße und bevor ich zu meinem Ziel gelange, läuten nurnoch Lastkraftwagen mit der bekannten Ankündigung die Pause ein.
Mit meinem Rückweg höre ich dann den zweiten Teil des Stückes, das schließlich "India by night" heißt. Heuschrecken, Grillen und Vögel höre ich nur, wenn ich etwas abgeschieden mit offenem Fenster in meinem Bettchen liege und die Stille genieße.
 Keep up with your dreams!

Donnerstag, 23. September 2010

Die Tamilen

Allgemein freuen sich die Tamilien sehr viel. Bei einem Mann im Oriental, dem Einkaufszentrum Thanjavurs [sie haben vor allem Spielsachen, Kitsch, Kosmetik und fettige Süßigkeiten], der einen interessanten geschwungenen Schnautzbart über seinem Vollbart trug, bedankte ich mich für das Zurseitegehen auf Tamil, was nicht nur seine Augen zum Leuchten brachte, sondern auch seine Zunge zum Englisch. Jeder, dem man begegnet fragt, wo man her sein und da, wie ich vermute, die Tamilen nie etwas mit Deutschland zu tun hatten, bevor die Besatzer kamen und Europa wichtig machen, ist das tamilische Wort für alles, was mit Deutsch zu tun hat “german” und so weiß auch der kleinste Schuljunge, der, könnte man es erkennen, knall rot vor Scham werden würde, weil er einer wildfremden, weißen Frau, “Hi!” zuruft, bei dieser Antwort unabhängig von seinen Englischkenntnissen bescheid. Zu dem netten Bartmann das Orientel bleibt noch zu sagen, dass bei dem Film den ich kaufte, die Ausrede “Only to learn Tamil!!!” an der Kasse angebracht war, nachdem er die Verkäuferin gebeten hatte, ihm die DVD, die die Deutsche kauft, zu zeigen. Underworld 3, der einzige amerikanische Film im Laden, der, wie ich damals noch nicht wusste, nicht nur auf Tamil, sondern enbenfalls auf Hindi, Englisch, Italienisch und Tababebo-irgendwas zu sehen ist . Soviel zu der Sony DVD für 1,30 Euro...

Die Tamilen sind nicht nur freundlich und sehr gastfreundliches, sie sind das Volk Südasien, das zu einer bestimmten Zeit [Wikkipedia selber fragen hilft] das Königreich unter Raja [Tamil für König] über große Teile Südasiens ausgweitet hat. Mit der Kultur der Tamilen werden oft die endrucksvollen Tempelbauten verbunden,  unter anderen eindrucksvollen Komplexen auch den Tempel aus Sandstein in Thanjavur, der in dieser Woche seine Tausendjahrfeier zelebirtert [google hat schöne Bilder].

Allerdings auch das Volk der Inder, die an Nationalstolz und angeblich auch in der Schärfe ihres Essens nicht übertroffen werden. Da ich aufgrund der immernoch andauernden anfänglichen Schonkost noch nicht beurteilen kann, ob es scharf ist, bleibt nur zu sagen, dass es teilweise an ungarisches Essen erinnert. Mich zumindest, als heute Mittag im Soßentopf der Kinder, den ich ratlos starrend stumm fragte, ob ich die orange Flüssigkeit mit oder mit ohne Stückchen über den Reis kippen sollte, ein Fischkopf zur Oberfläche gerührt wurde, der mich ebenso ratlos aus denaturierten Fischaugen anglupschte.
 Zudem auch, nach meinen leidvollen Erfahrungen, die Gruppe von Männern, die wenn sie mal müssen, am Rand dre Straße müssen. Jede Hauswand, jeder Zaun, jeder Fluss ist ihnen recht und geschüttelt wird, no matter who's crossing by! Einen werten Herren durfte man Freitag schlafen auf einem LKWParkplatz beobachtend. Lässig, wie seine Männlichkeit raushing!

Den Tamilen ist die Familie sehr wichtig. Es gibt sowohl für die älteste Schwester der Mutter, als auch den jüngsten Bruder des Vaters eigene Namen. Wahrscheinlich auch wür alles da zwischen. Wie man sich denken kann, reden sie auch sehr gern über Familie, was ich bei meinen geliebten Weisenkindern unterlassen kann... Da ich, durch die geschickten Hände meiner Mutter bedingt, zwei Schwestern mit ebenfalls alttestermentarischen Namen habe, ist es auch für Tamilen einfach, diese zu wiederholen. Bei meinen geliebten Eltern, die ich überigens von vielen Grüßen soll, höre ich fragendes Gestammel. Kisen und Jugn sind nach der Tatsache, das und was ich gegessen habe, Gesprächsthema Numemr zwei in Bethesda am Morgen und Nachmittag, wenn ich sie besuche.

Meine beiden Lieblinge sind bis jetzt A.akka und M.J.R, den alle nur MJ nennen und sein Name wird oft gerufen. A.akka ist selber in dem Heim aufgewachsen und wurde nicht verheiratet, MJ ist ein ungefähr fünfjähriger Junge, dessen Nase immer läuft und der Falsch und Richtig aus seinem Wortschatz gestichen hat. A.akka hilft enorm. Wobei sie hilft, hängt davon ab, wo sie sich befindet. Bei dem kurzen Besuch in Mayialaduthurai [oder so], rettete sie uns Kesari, eine köstliche Köstlichkei aus Karotten und Zucker; im Nazarteheim ist sie die Mama für alles und meine bevorzugte Ansprechpartnerin; im Bethesda besucht sie die temporär schwer erkrankten und begleitet sie zum Krankenhaus, wenn niemand anderes verfügbar ist. MJ ist das Gegenteil. Er ist im Grunde einer dieser Beispiele für Menschen, die nicht genug Liebe bekommen könnte, aber durch seine Taten vor allem Wut auf sich zieht, die er in jedem Fall mit Tränen quittiert, die zum Himmel schreiend bezeugen, dass er doch gar nichts falsch gemacht hätte. Wenn er einem anderen Spielzeug wegnimmt, wenn er nicht gehorcht, wenn er noch eine Extrawurst braucht, oder, wenn ich schon beim Essen bin, den Teller der Sitznachbarin nimmt und wegwirft, weil sie schneller mit der Malzeit fertig ist als er und wenn dann auch noch per Handzeichen der Frieden mit ihm gebrochen wird, ist das alles völlig ungerechtfertigte Aufregung. Manchmal weint er auch, weil er nicht bevorzugt an dien Hand benommen wird, oder weil ich entschieden habe, dass ich genug mit seiner Sabbernase gekuschelt habe, oder wenn ich nicht verstehe, dass er vor allen anderen das Recht hat, einen Plastikkricketschläger zu bekommen um jene anderen zu hauen, ich das aber nicht so sehe und ihn mit rausschicken strafe.
Abends bin ich am liebsten bei meinen kleinen Tamilen und Tamilinnen, dann, wenn sie Müde sind, ihre Milch getrunken haben, nicht mehr mit den 15 Tageskindern um Aufmerksamkeit kämpfen und einfach nur noch ein bisschen Familienliebe vor dem Schlafengehen haben wollen. Dann gehe ich, Saraaka, um meine Hausaufgaben im Tamillesenundschreiben abzuholen noch kurz in den Essensraum und nehme so viele auf meinen Schoß wie eben Platz ist, naja, oder nur MJ ;).

Keep up with my posts and keep me posted!

PS: Underworl 3 ist ein guter Film ;) und Horrorfilmtamil nicht wirklich hilfreich ;

Die Sprachbarriere

Aufgrund der andauernden Verdaungstrackt-und-Indien-Problematik sitzt die Freiwillige, die offiziell nur Besucherin ist, an diesem Nachmittag im Zimmer, dankbar, dass kein Powerbreak den Deckenventilator außer Gefecht setzt und gewiss, dass der Toaster die Schonkost köstlich zubereitet. Nachteilig bedenkend, dass die Bethesdabewohnerinnen an jenem Nachmittag keine Hape K. Immitation hören werden und dass E., eine begnadete, des Englischen mächtige, bettlägerige, von Depressionen beeinträchtigte, schöne Frau, heute keinen Grund hat, ihre Kassetten noch einmal zu hören, freut sie sich über alle zu beantwortenden Mails.

 E. bescherte mir den ersten wirklichen gulps Moment, als sie in ihrem Bett liegend ein Lied sang, in dem sie Jesus einlud, in ihr Herz zu kommen und dort zu bleiben, das durch E.s hohe, schöne, und dennoch schwache Stimme nur an Kraft gewann.[gulps; eng. onomatopoetischer Comicideom für betroffenes Schlucken]


 Ich gebe zu, dass ich mich hier sehr wohl fühle und die Herausforderung, eine neue Sprache und eine Silbenschrift zu lernen, mich jeden Tag antreibt. Nichts desto weniger bleibt eine Sprachbarriere, die auffallend selten mit Zeichen gelöst werden kann: Da so gut wie jedes zweite Kind eine Atemwegserkrankung hat, sollten die Becher, mit denen sie trinken vor dem Kindswechsel gewaschen werden. Meine beschränkte Auffassungsgabe genüt meist jedoch nur, um eine nicht aufgeschriebene Vokabel im Kopf zu behalten und so ist es mir möglich, einem Kind zu befehlen, den Becher zu waschen. Dieses ist leider völlig unmöglich, nachdem ich zu erst erfragt, was “Hol dir einen Becher!” heißt, dann angwandt und schließlich triumphierend drei neue Becher mit dem abgekochten Wasser gefüllt habe. Um die Ecke zum Waschbecken auf Kinderhöhe [Mein Partenkind würde sich wie im 7. Himmel fühlen] zu zeigen, bereitet doch einige Schwierigkeiten und die Ecke, die Wasserbehälter und Becheraufbewahrungsort von einander trennen, ist bei zehn vor einem stehenden Knirpse auch irgendwie unüberwindlich. Zu dem gewinnt die Sprachbarriere an breite, wenn sich die knuddeligen Dinger über mein Tamil lustig machen. Es verdient natürlich ein paar Freundenschreie, dass sie alles, was man laut genug sagt, nachplappern – schließlich lässt sich ein englisches Alphabet so am leichtesten lernen und nicht nur das, auch Klatschspiele! – aber ein “Setz dich hin [Utkar!!!]” ist in den seltensten Fällen, um nicht zu sagen nur bei uns dummen Deutschen als Wiederhohlungsaufforderung gemeint... Von Vorteil ist es dennoch, denn trotz meiner strengen Maske á la Folchoch [Franz. Literatur ist empfehlenswert, wenn man diese Anspielung verstehen will - die DVD steht in meinem Regel], die zur Essenszeit von Nöten ist, kann ich mich doch keiner Kuscheleinheit am Abend erwehren, bei der die liebe Nathini gern und schön alles nachsagt, was ich ihr Deutsches ins Ohr flüstere. Dazu muss man sagen, dass das Tamil der deutschen Aussprache wesentlich näher ist als zB der englischen.


Im Bethesda ist die Sprachbarriere kaum Vorhanden! Einmal, weil D. und R. des Englischen mächtig sind, zwei vitale Damen, die meinen “Classes” [zu Deutsch: wir sitzen im Kreis, spielen Ball, ich rufe “Hurrle(man denke an Hurrtz)” und oder oder ich lerne Tamillieder] zum Großteil beiwohnen und, weil sich ausnahmslos jeder über meine tamilische Version von “How are you” [Ningal diaparin irkingää] freut und ihre Lieblingsfrage: “Hast du schon gegessen” [Saptinglaa] auch per Zeichensprache eindeutig ist.
Langsam aber stetig lernden überwinde ich step by step das, was in den ersten Tagen so unüberwindlich schein, gewiss, dass ich auch wenn ich lesen kann, die 15 Minuten-Kniegebete nicht den 15-Minuten-eng.-Bibel-lesen vorziehen werde; jeden morgen um 8.
Keep up with God, or whatever you worship!

Montag, 13. September 2010

Der Sari

“Meine Mama wäre stolz auf mich, weil ich schon am ersten Wochenende eine Frauenbewegungskonferenz besuchte; meine Schwester wäre stolz auf mich, weil ich auf der Zugfahrt ein Gewitter beobachtete und die meterologischen Gegebenheiten verstand; meine Papa wäre stolz auf mich, wegen der Bilder, die mit seiner Kamera zu stande kommen und meine große Schwester wäre stolz ob der Geduld, die ich den Kinder gegenüber zeige.“
Dass ich die Konferenz bloß einer Freundin wegen besuchte, die in dem Kinderheim arbeitet, welches Veranstaltungsort ist, und dass ich mich nur an den Erdkundeunterricht erinerte, weil die Zugfahrt ebenso langweilig wie langwierieg war, und dass ich zwar Bilder machen, jedoch das Kamera-PC-Verbundungs-Kabel vergessen habe, und dass ich nur so geduldig bin, weil ich ihre Sprache nicht spreche und kaum Wiederworte geben kann – all das muss schließlich niemand wissen :)

 “Schnee drüber, Schwamm von Gestern” (Oma aus Spiderman 2)

An besagtem Wochenende trugen wir auch unsere ersten Saris, Meterlange kunstvoll gewickelte Stoffbahnen, die gefühlt mehr nackt machen, als sie in die keusche Kultur zu passen. Obgleich ich mich erinnerte, wie und wann gefaltet werden musste, überließ ich das Meisterwerk einer Ehemaligen, die auch gerade zu Besuch in besagtem Kinderheim war. Wir alle fanden die Resultate ihere Arbeit äußerst indisch und unglaublich schön. Nur so vor Freude auf den zwei einhalbstunden langen folgenden Gottesdienst strotzden begab ich mich auf die Dachterasse vor unserem Zimme und rief “Annakka”, eine und begleitende Kindergärtnerin, zu. Sie schaute lächelnd zu mir auf und verkündete, sie hätte Blume für unsere Haare gekauft. Da stapfte sie schon die Treppen hinauf.  Wer das gewickelt hätte, bat sie zu wissen. Stolz wie Egon verwies ich auf Janna. Annakka rief zwei weitere Frauen hinauf und mit den beiden sie begleitenden machten sich die Fünf auf, uns eine echtes “Indan-makeover” zu geben.

Die Saris wurden abgewickelt, neu gewickelt, gefalten, ge-sicherheitsnadelt; die Zöpfe wurden aufgetrennt, die Haare neu gebüstet und die Jasmingirlanden ins Haar gesteckt. Ja, wir wurden zu echten, hübschen Frauen!
… Bis auf die kleine Tatsachte, dass die Schneiderin der Blusen etwas gepatzt hatte und mein Büstenhalter sich freudig der keuschen Kirchgemeinde präsentieren wollte... wozu hat man Sicherheitsnadeln und meterlangen Stoff, wenn nicht, solche Kleinigkeiten auszubessern!?

“Schwamm drüber, Schnee von Gestern!” Ich freue mich auf die nächsten Saris und nicht nur, weil sie wieder “schopping” bedeuten, sondern, weil es Kulturrepräsentanten einer der ältesten Kulturen der Erde sind, die den weiblichen Körper – ob schlank, ob wohl geformt, ob üppig – in Szense setzen und dabei nur Andeutungen der Schönheit zulassen, die Gott als den weiblichen Körper schuf.
Jede Kultur hat Schwachstellen, doch sieht man die indischen Frauen, ihre Tänze, ihre Kleidung, ihren Schmuck und ihre Schönheit, dann weiß man, dass nicht alles nur Schlecht ist, was in einem Vergleich schlecht darsteht.

Für diese Wochte einmal ein Lied aus dem Gilmore Grils Soundtrack: “I'm the Man Who Murdered Love” von XTC

Think about it!

Montag, 6. September 2010

Das Uebliche

Unueblich ist fur eine Deutsche alles in Indien; die Hitze, das Essen, die Kleidung, die Menschen.
Und damit ist das Ueblich abgedeckt.
Ein Flug, der fuer viele Menschen eigentlich ein Kinobesuch ist, oder wenigstens eine Modenschau, was die wunschershoenen Stewardess angeht, ist fuer diese Deutsche unueblich. Alice In Wonderland und Clash of the Titans stalen mir die Zeit bis zu dem Essen, bei dem sich sogleich die Unterhaltung mit einem Inder aus Bombay anstellte, welcher angeblich einen einzigartegen Namen besitzt - aufgrund seiner kreativen Grossmutter. Jener Inder empfahl mir und Anne, wir sollten uns doch das Nachtleben in Bombay ansehen, was wir im Stillen dankend ablehnten.

So zu der ueblichen Frage des unterdruekten Geschlechts: Kleidung und Schmuch waren langezeit Statusszmbol der Frauen, an denen die Maenner erkannten, welche Blicke erlaubt waren. Auch heute kann der auf den Ruecken haengene Teil des Sari noch als Reisleine benutzt werden, sollte die Tocher, deren Schrittgeschwindigkeit man an den Gloeckchen am Knoechel erhoeren kann, weglaufen, um eine Liebeehe zu begehen. Doch in Bombay duerfen nur Maenner in Begleitung mindestes einer Frau einen Club betreten, um scher zu stellen, dass er nicht nur aus einem Grund dort ist. Frauen hingegen haben meist freien Eintritt und kaum ein Barkeeper wuerde einer Frau einen Drink nicht sofort ausgeben, sollte sie nett laecheln.
Vielleicht eine unuebliche Meinung, aber in diesem Fall ist das maennliche Geschlecht benachteiligt.

Und weil es so schoen ist, nor mehr uebliches: Grosst\staette sind drecking und laut, Inder sind kleiner als Europaer, Hize bringt Menschen ins Schwitzen, das Fremde ist eine Herausforderung und Herausforderungen sind da, um gemeistert zu werden.

Weil es so ueblich ist, verlasse ich nun das Internetcafe. Meine Reise erreicht morgen ihn Ziel in Thanjavur, wo ich die naechsten Monate verbringen werde.

Keep up with me posts(schottischer akzent)

PS: diese Deutsche wurde fuer ihre Lernfaehingkeit und Auffassungsgabe gelobt - man fordert mich besser nicht im "Wasser trinken ohne Flasche an die Lippen zu setzen" heraus!

Dienstag, 31. August 2010

Die Abschiedsroutine

Man könnte schon mit dem Stundenzählen beginnen, wäre man denn ein Freund der Zahlen.
Seit der Rucksack gekauft ist, ist jede Begegnung die hypotheitisch letzte für mindestens ein halbes Jahr. Und auf unerklährliche Weise, verlaufen diese auf erstaunlich gleiche Weise. Wenn es nicht zu gemein klingen würde, behauptete ich, ich (und wahrscheinlich alle anderen in meiner Situation) könnten einfach ein Tonband aufnehmen mit den Infos, die alle mit der gleichen Tonlage und in ähnlicher Abfolde der Fragen, zu wissen gesuchen. "Nein, ich denke nicht, dass es außergewöhnlich gefahrvoll sein wird! [...] Ja, es ist dort sehr warm und das Frauenbild ist ein ganz anderes. [...] Ich werde am Donnerstag Mittag von Frankfurt aus Deutschland verlassen und nach 6 Stunden Dubai erreichen. [...] Ja, das Essen ist scharf!" Aber Menschen lieben Routinen und so genieße ich meine Abschiedsroutine, an dessen Ende ich immer wieder hören darf, wie sehr man mir Glück und tolle Erfahrungen wünscht.
Eine Freundin schenkte mir zum Abschied (ohne Tonband!) ein IKEAGlas voll Glück (in Form von 1 Centstücken) und gedanklich verstaue ich jeden dieser so lieben Wünsche in meinem Glas, damit ich rationiert ein halbes Jahr über viel Glück und tolle Erfahrungen haben werde.

Und ich bin natürlich gern bereit, jedem, der/die/den/das ich auf der Straße oder vor dem Laden, in dem ich noch gerade Klopapier für die Reise kaufe, mein Tonbad neu aufzusagen; weil ich meine Abschiedsroutine genieße, wie eine Blume, die vor dem verpflanzen nicht weiß, ob die Sonne am neuen Ort genauso scheinen wird - und die trotz allem weiß, dass Gott überall ein Licht ist ;).

Montag, 2. August 2010

Der Titel

Vielleicht ist es ein kleiner Diebstahl an JRRT Titel, den Bilbo seinen Memoaren gibt, aber man kann es auch als hingebungsvolle Anlehung verstehen.

Aus dem behüteten Hermannsburg mache ich mich bald, gutvorbereitet und voller Vorfreude, auf, die Welt zu sehen. Nicht etwa, einen Ring zu finden, aber um die Elben zu sehen ;). Wer den Blog ließt, wird mich dabei begleiten - hoffentlich durch Fotos, die ich plane, hin und wieder hoch zu laden, und Kommentare, derer ich mich nicht verwehren kann.

Das Vorbereitungsseminar im Hermannsbuger LHH war schön und aufschlussreich und so bleiben die letzten Wochen, in der ich die mildie Sonne und die Omnipräsenz der Freunde geniße.

So weit, so schön: Keep up with my posts!