Vor ein oder zwei Wochen kam eine Frau zu uns, die begeistert als unser Neuzugang vorgestellt wurde. Ich hörte zu erst, Annakka würde sich um ihre Haar kümmern und sah dann die kahlköpfige, hochgewachsene, dünne Lakeschmi, die mir mit einem ebeso ehrlichen wir breiten Lächeln auf meine Begrüßung antworte, als ich auf dem Weg zur Abreit an ihr vorbeilief. Von da an besuchte sie morgens die Andacht häufiger als ich und grüßte mit dem christlichen "Stottiram", Preise den Heern. Sie tauchte eines Morgens bei den Kindern auf, die gerade draußen spielten und liebte sie mit einer Natürlichkeit, die das Strahlen auf ihrem Gesicht erklährte und auch das auf meinem, denn so konnte ich das Karusell und sie die Schaukel bespaßen und aufpassen, das keines unserer Kleinen gen Boden segelte. Oder ich konnte mich um die Babys kümmern, die sich mit Sand besudelte, während sie auf die größeren aufpasste.
Ich habe nie erlebt, dass sie die Knirpse schlägt, aber andere haben es gesehen. Es wäre zu einem Problem geworden.
Zu Beginn habe sie in der Küche gearbeitet, sagte man mir, aber da sie so krank wäre, wurde sie in das gegenüberliegende Bethania Haus zum Erholen geschickt. Sie käme von der Straße. Man wisse nicht viel, nur, dass sie seit längerem unsere Missionchurch Road langwandere und kleine Arbeiten gegen Geld oder Essen anbiete. Sie sei nur ganz wenig geistig beschränkt und man könne sich mit ihr unterhalten. Sie war und blieb unser Neuzugang, über den ich mich wie alle anderen freute.
Montagmorgen erzählte sie dann allen glücklich, sie würde nun mit Sister Paciem, der ehemaligen Krankenschwester, die immer noch die Medizinischeaufpasserseele unseres Hauses ist, zum Krankenhaus gehen. Dort teste man sie auf alles mögliche und erfuhr schnell, dass wie bei vielen mentally retarded persons ein Blutmangel vorherrschte, der andere Probleme mit sich bringt. Man gab ihr eine Blutinfusion und ihr geschwächtes Herz hatte Probleme damit. Unser Gärtner besuchte gerade an diesem Abend einen anderen Patienen und sie erkannte ihn. Das Telefon in unserem Haus klingelte spät abends und ich bekam, von all dem nichts ahnend, die Aufgabe, Siser Jesylee und Annakka auf ein Klopen an meinem Fenster hin die große Gittertür aufzuschließen und sie wieder herein zu lassen. In Erwartung eines Klopfens lag ich lesend auf meinem Bett, als die Telefone und Handys in den Zimmern neben mir zu rufen begannen. Kurz darauf stürmte Simo in mein Zimmer. Eine SMS von Annakka hatte ihr gerade den Herzinfakt Lakeschmis beschrieben. Sister Jesylee und Annakka würden die Leiche zum Heim zurück bringen.
Ich suchte Trost für Simo und rief die Freude vor unsere Augen, die Lakeschmi in den letzten Tagen gefühlt haben musste. Der Grund für ihre offene Fröhlichkeit und das breite Lächeln.
Die Psalme, die ich für Sister Jesylee und mein Abendgebet herausgesucht hatte, las ich nun zwei Schwestern und Simo auf dem Flur vor, in der Hoffnung, die Hoffnung würde alle etwas comfort geben. Uns wurde befohlen, schlafen zu gehen, man würde alles selber erledigen.
Heute morgen erfuhren wir dann die Einzelheiten und dass Sister Padma mit anderen die Nacht über Totenwache gehalten hatten. Anstatt der Morgenandacht sangen alle schon seit Stunden und wohl noch für Stunden Lieder neben der Aufgebarrten. Wir erfuhren auch von Sister Padma, dass Sister Jesylee ihr noch gerade the last benediction gegeben hätte, was ja jeder durfte, aber dass es kurz nach Mitternacht sein musste, da um Mitternacht selbst nichts getan würde. Ich bekam ein Bild von der Angst, die diese Worte begleiteten. Lakeschmi war eine Hindufrau. Obwohl sie in einer christlichen Gemeinschaft glebt hatte, in diesen letzten zwei Wochen, war sie vielleicht nie dazu gekommen, Jesus in einem Gebet "ja" zu sagen. Die Vorstellung, sie sei nun bei Gott war für die meisten gar nicht so sicher und mehr ein Wunsch.
Ich begab mich zu den Singenden, nachdem Sister Padma mich fragte: "You want see?" Ich wollte nicht erklähren, dass es mir nicht um das Sehen der Toten ging, sondern darum, zu bekunden, dass Menschen nach ihrem Tod um sie trauerten. Zuerst schockten mich die Füße, die unter dem pinken, goldgeränderten Tuch hervorlugten, mit dem sie bedeckt war. Die ganze Zeit hatte ich Distanz und nun doch Füße einer Frau, die wohl ihr Leben von Tag zu Tag gelebt hatte, ohne den Gott, den wir so lieben, der eine endlose Kraft bedeutet. Zu ihrem Kopf stand ein kleine Holzkreuz und eine Kerze und etliche Räucherstäbchen brannten daneben. Ihr Gesicht war teilweise von einem weißen Tuch bedeckt, sie hatte Watte in Nase und Ohren, aber das sah ich erst, als ich an ihr vorbei ging, meine Bibel zu holen. Ich wollte gerne Worte des Trosts finden und fand im Johannesevangelium das Versprechen, das ich der gehetzt aussehenden Mutter Schanta Emily berichtete. "He that heareth my word, and believeth on him that sent me, hath everlasting life, and shall not come into condemnation; but is passed from death unto life" [ St. John 6,24; King James]
I
ch las eine Epistel aus dem Röme, die mir aus dem Religionsunterricht bekannt ist, auf englisch stockend laut vor. Luther bezieht sich in siener Doppelthese darauf. Jedenfalls ist das Fleisch schlimm und tot aber die Seele findet Leben im Glauben an Jesus. Ich sang das Lied, das meine Oma mir als Reisesegen mitgegeben hatte, sicher, dass soweiso niemand Deutsch verstand und mit der Ahnung, dass Lackeschimi eine Reise zu Gott vor sich hat, die volkommen anders ist als die letzten 20 oder 30 Jahre ihres Lebens. Und schließlich bat ich um Amazin Grace, mein Steckenpferd, das zwar irgendwie bekannt war, das ich aber doch allein sang. Plötzlich war ich mir bewusst, dass die Worte "Amazing grace how sweet the sound that saved a wretch like me" noch nie so gepasst haben wie in diesem Moment.
Keep up with life, It's more than you can wish for!
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