Samstag, 30. Oktober 2010

Das Wunderland


Vor vielen Monaten habe ich in den Spiegel geschaut und mich gefragt, was ich eigentlich sehe. Und dann wollte ich hinter den Spiegel in das Land, das ganz anders ist, in dem ich die Schrift nicht lesen kann. Aber ich schlief nicht nur ein, ich bestieg ein Flugzeug und verließ es auf dem Weg ins Reich der roten Königin.

Das Wunderland belacht mich morgens, wenn ich zwischen all den spielenden Schulkindern in der hellgrünen Uniform den Sportplatz überquere, um zur Arbeit zu gehen. Das Wunderland lacht, weil ich mich fehl am Platz fühle in meiner rot-blauen Chudida. Aber die Kinder sehen mich nicht in der fremden Kleidung, sondern mit den fremden Gesicht und der hellen Haut, unterbrechen ihr Spiel und kommen angerannt. Warum sie die weißen Rosen rot anmalen, will ich fragen, kann aber die Sprache nicht. Zeit für eine Diskussion habe ich so wie so nicht. Ich will kein Besucher im Wunderland sein und gerade das macht mich zu einem.
Dann komme ich in den Garten mit den großen, sprechenden Blumen und sie geben sich Mühe, meine Sprache zu sprechen, fragen mich, wie ich geschlafen hätte und was ich zum Frühstück hatte. Wunderliche Blumen, die in dem Garten leben, weil sie im Wunderland sonst keinen Platz haben. Deswegen ist ihr Garten ein Refugium. Ein Refugium für sprechende Blumen und für Schweigende, für singende und für tanzende und für solche, die noch nie tanzen konnten.

Gegen 11 Uhr habe ich Tee mit der Hutmacherin in einer schönen Ecke des Gartens, in der Rose und Jasmin blühen. Die Hutmacherin schick die Maus, wenn sie mich suchen und rufen lässt, weil ich die Zeit vergesse und der «Kaffee» kalt wird. «Kaffee» ist das, was die Wunderlandbewohner ihr Gebräu aus Milch, Zucker und Kaffeeinstandpulver nennen. Zu Beginn war ich traurig, dass das, wofür ich mit Liebe einen Namen habe, mein am liebsten toter, schwarzer, starker Kaffee, mein Schwarzes Gold im Wunderland unbekannt zu sein scheint, aber deswegen bin ich ja im Wunderland, damit ich zu Hause erzählen kann, dass es einen Ort gibt, an dem nicht alles nur so richtig ist wie wir es für richtig halten, eine Wunderland, das unser Land auch zum Wunderland macht!
Wenn ich dann den Blumen erzähle, dass es da, wo ich her komme, keine Sitapalambäume gibt – in keinem einzigen Garten -, dann überlegen sie und wundern sich über die Welt, in der alle behaupten, Christ zu sein und kaum einer in die Kirche geht. Dann staunen sie, dass es ein Leben gibt, dass nicht durch den Regen bestimmt wird, ein Land, in dem man Milch, Mehl und Jogurt im Supermarkt einkauft, in dem man keine einzige Kuh auf den Straßen sieht und die Familien ohne Ziegen auskommen. Dann ekeln sie sich vor dem Wunderland mit boyfriends und Küssen im Fernsehen.

Und einmal bin ich dem weißen Kaninchen gefolgt. Er kam und verkündete, Geburtstag und 25. Hochzeitstag der roten Königin würden auf einen Tag fallen und wir sein Ehrengäste. Wann wir erscheinen sollten, baten wir die rote Königin zu wissen. Zum Mittag. Gegen 10! Um 10 könnten wir noch nicht zu Mittag essen – nicht einmal im Wunderland! Dann eben um 11, der Pastor käme schließlich und man wolle noch beten!
Also gingen wir mit dem white rabbit mit. Das Loch unterm Baum war eine Straße weiter. Aber die rote Königin war noch im Nighty, putze noch und schien verwirrt, uns zu sehen. Sie hatte bereits weiße Blumen im Haar und ich fragte mich, ob sie wirklich die rote Königin sei. Ihre Hände were not of the same colour as mine but she wasn't ashamed to wear a heart so red [Mac Beth Anspielung, es ist schließlich das Wunderland, das ich beschreibe].
Man brachte und Fotoalben und das weiße Kaninchen verschwand. Der sympathische, alte König kam und unterhielt sich mit uns. Er arbeite in Chennai,  komme nur selten nach Hause, ebenso seine beiden ältesten Söhne. Die rot-weiße Königin tat mir leid. Dann war alles geschmückt, die Süßigkeiten die man für unsere Wartezeit gekauft hatte, aufgegessen, die Fotoalben drei Mal gesehen und der Kuchen aus Glasur platziert. Dann kam der Pastor. Es wurde gebetet und gesegnet und photographiert. Es wurde gesungen und der Kuchen wurde angeschnitten und der Fotograf hielt einen weiteren Teil eines weiteren Lebens eines weiteren Wunderlandbewohners fest. So fest, als wolle man sich selbst seine Zufriedenheit mit dem Fotoalbum beweisen. Wunderland.
Die Königin nahm uns gefangen, setzte uns und Zwang Unmengen an Essen in uns und gerade als wir dachten, wir würden platzen, stopfte sie eine Banane hinterher. Das machen Gastgeber so.

Abends verzichte ich mit einer Notlüge auf das Abendessen und fand im Nachthimmel einmal mehr zig Fledermäuse. Ich zitiere das Wunderland hinter dem Spiegel:
«Twinkle, twinkle little bat,
how I wonder what you're at.
Fly above the world so high
like a diamond in the sky.»

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